Dienstag, 15. August 2017

HENNES MEINUNG

Lieber Hennes Acht, 
über das was in Rostock gerade passiert, könntest du mal schreiben.

Diese Nachricht erreichte mich gestern gegen halb zehn.
Bis dahin hatte ich nichts mitbekommen, da ich mich im Urlaub an der schwedischen Natur erfreut habe, statt an den Montagabendspielen des DFB-Pokals.
Kurzer Blick auf die Sportseiten im Internet. Ah so, Rostock - Hertha, haben sich gegenseitig mit Bengalos abgeschossen. Tja, und was soll ich jetzt dazu sagen?

Mindestens in jedem dritten Text hier auf diesem Blog, schimmert durch wie ich zu Gewalt stehe und wie ich mir Fansein vorstelle. Ich versuche niemanden pauschal abzuurteilen. Ich werde den Teufel tun und hier jetzt alle Ultras über einen Kamm scheren. Ich selbst bin keiner Organisation zugehörig. Ich bin kein Vereinsmaier. Wo hundert Leute das gleiche Denken werde ich eher skeptisch. Mir sind aber 100 Ultras vertrauter, als 10 VIP Gäste. Ich bin auch Freund der Bengalos, wenn sie außschließlich zur stimmungsvollen Atmosphäre benutzt werden.
Nach dem letzten Abstieg des 1. FC Köln haben unsere Ultras schwarzen Rauch gezündet. Für viele eine ganz schlimme Sache. Ich fand es super. Aus folgendem Grund. Die FC Spieler waren gezwungen in die Kabine zu rennen. Ich hätte die Bilder nicht ertragen können von am bodenliegenden, Krokodilstränen vergießenden Söldnern im Geißbocktrikot. Diesen schwarzen Rauch werde ich immer verteidigen. Eine passende Aktion. Als wir dann am letzten Spieltag der Vorsaison auf Platz 5 kletterten, wurde dann eine (1) weiße Rauchbombe gezündet. Ich fand es wieder klasse. Eine perfekte Metapher und Ausdruck größter Freude.
Soweit. Ich hoffe es wird klar, dass ich das Thema differenziert betrachte. Ich versuche es zumindest.
Wofür ich null komma null Verständnis aufbringe ist ausgelebte körperliche Gewalt. Rivalität die in Hass umschlägt, oder von vornherein darauf fußt. Wer mit diesen Intentionen ein Stadion besucht, der hat in meinen Augen den Schuss nicht gehört. Wie wichtig kann man sich nehmen? Was ist das für ein Selbstverständnis? Die Hauptatraktion sollte das Spiel selbst sein. Nicht die Werbung, nicht die Wettquoten und auch nicht die Fans. Unterstützen und Begleiten ist angesagt. Auch mal die Stimme erheben, klar. Aber einige nutzen die Bühne lieber um ihr eigenes billiges Stück aufzuführen. Wer ein Problem lebt, der bekommt früher oder später eines.
Und wir, die wir dieses Spiel lieben, müssen dann wegen dieser Idioten Stellung beziehen. Als würde die Welt gerade nicht genug durchdrehen. Was ist los mit euch? Die gesellschaftlichen Hemmschwellen nehmen immer mehr ab. Die Welt ist so im Arsch und jeder zeigt mit dem Finger auf den Anderen und krakehlt warum der jetzt daran mehr Schuld hat als man selbst.
Wie das Problem zu lösen ist? Was weiß denn ich? Mir ist nur klar, dass es uns alle angeht. Und das wir alle unseren Teil beitragen müssen. Heinrich Böll schrieb mal, "noch hat keiner ein Mittel gefunden gegen die Waffe die so rasch tötet. Das Gefühl lächerlich zu sein!" Machen wir sie lächerlich! Humor ist meine stärkste Waffe. Welche ist eure?

So sieht die Spinnerbande in Göteborg aus.

Auch das ist Hansa Rostock! Es gibt halt nie nur schwarz oder weiß.



Sonntag, 13. August 2017

HENNES PROGNOSE

BUNDESLIGA 2017 / 2018
Abschlusstabelle

Woran erkennt man den Fußballexperten? Richtig, daran dass seine Tipps meilenweit von der Realität abweichen. So ist diese Tipptabelle eine Investition in die Zukunft. In knapp einem Jahr können wir darauf zurückblicken und uns freuen, dass alles soviel anders kam.
Mit Hilfe des kicker - Tabellenrechners habe ich 34 Spieltage durchgetippt. Das tabellarische Ergebnis seht ihr im Bild. Die Tabellen der 2. Bundesliga und der 3. Liga entsprechen dem aktuellen Stand, da beide Ligen den Spielbetrieb bereits aufgenommen haben.

Der Klassiker. Die kicker Stecktabelle

Freitag, 11. August 2017

HENNES POKALE DFB - Pokal

Saison 2002/2003 Viertelfinale

"Holger, wenn der Klaus morgen Früh was schneller arbeitet, kannst du ihm dann ab Mittag freigeben? Wir fahren zum Pokalspiel nach München!"
Irgendwie merke ich direkt, dass Holger meine Frage weder ganz verstanden noch so richtig ernst genommen hat. Anders kann ich mir sein "okay" nicht erklären.
Es ist Anfang Februar 2003. Wir befinden uns im tiefverschneiten Harz. Klaus ist mein Arbeitskollege, Holger so etwas wie unser Chef. Zumindest hat er in dieser Firma für Outdooraktivitäten mehr zu sagen als wir.
Klaus ist Münchner und, wie es sich für einen richtigen Mingara gehört, Fan des TSV 1860 München. Zwischen Bierchen drei und vier hatte ich ihn am Vorabend davon überzeugt, mit mir zum DFB-Pokal Viertelfinale FC Bayern München - 1. FC Köln zu fahren. Im Verlauf der bisherigen Saison hatte es noch keiner gewagt, uns, den FC Köln zu schlagen. Dementsprechend war es ein Duell der Spitzenreiter. Die Bayern in Liga eins, die Kölner in Liga zwei. "Klausi, die nehmen uns doch gar nicht ernst! Die hauen wir weg! Ecke Springer, Kopfball Lottner, Tor."
Am nächsten Mittag klopfe ich an Holgers Bürotür. "Klaus, fertig? Los geht es!" "Wohin?", fragt Holger irritiert. "Mensch Holger, das hab ich dir doch gestern lang und breit erklärt. Wir fahren jetzt nach München. Zum Pokal!" "Nach München? Ich dachte ihr wollt irgendwo nach Goslar!" "Holger, was sollen wir denn in Goslar? Heute ist Pokal! Wir fahren da jetzt hin, gucken das Spiel, fahren zurück und morgen um neun sitzt der Klaus wieder hier bei dir im Büro. Ist doch alles super! Oder?"
"Haut ab, ihr Spinner!"
Eine gute Stunde später saßen Klaus und ich im Radebergerexpress Hannover - München.
In Nürnberg stieg ein weiterer Spezl von uns ein. Roman, Franke aus Bamberg, seines Zeichens eingefleischter Glubberer. Ihn hatten Klaus und ich in der Nacht noch telefonisch davon überzeugt, dass es absolut keinen Sinn macht am Pokalabend für sein Studium zu lernen, wenn man gleichzeitig Augenzeuge einer wahren Pokalsensation werden kann. Da Roman alles andere als auf den Kopf gefallen ist, leuchtete ihm dies auch sofort ein. Weiter ging die Fahrt zu dritt und wie immer bester Laune.
Die Tickets kauften wir direkt am Olympiastadion. Das war kein Problem. Der Gästeblock war mit 8000 Kölnern gut gefüllt. Für jeweils fünf Euro gewährte man uns den Zutritt. Die Südkurve der Bayern war vielleicht halb so voll wie die Nordkurve. Dazu verloren sich noch insgesamt 1000 Zuschauer im restlichen Stadion. 13.000 Zuschauer in dieser riesigen Schüssel, gähnende Leere! "Was ich sage. Die nehmen uns nicht ernst! Die hauen wir weg!", war meine tiefste Überzeugung.
Das Spiel wurde angepfiffen und bereits nach 7 Minuten gingen die Bayern 1:0 durch Giovane Elber in Führung. "Das ist super! Frühes Tor. Jetzt werden die lässig. Die denken doch jetzt schon, das ist gelaufen!", wertete ich den Gegentreffer als sicheres Siegeszeichen.
In der 20. Minute folgte das 2:0 durch Hargreaves. Zehn Minuten später erzielte der junge Typ mit diesem dämlichen Namen Schweinsteiger sein erstes Tor für den FC Bayern. Zeit drüber nachzudenken blieb nicht. Wiederanstoss Köln, schneller Ballverlust, Elber 4:0! Nur 65 Sekunden nach dem 3:0.
Für einen kurzen Moment wurde es mucksmäuschen still im Block.
Daher konnte man auch gut vernehmen, was eine kleine Gruppe im nächsten Moment anstimmte: "Denn wenn et..." Wie eine Befreiung, wie der zur Erlösung führende Urknall stimmten alle, wirklich alle mit ein, "...TRÖMMELCHE JEHT, DANN STONN MER ALL PARAT. UN MER TRECKE DURCH DE STADT UN JEDER HÄTT JESAAT, KÖLLE ALAAF, ALAAF. KÖLLE ALAAF!"
Und so ging es weiter, ohne Unterlass, das ganze restliche Spiel über. Karnevalslieder als Pfeifen im Walde. Eins nach dem Anderen. Klassiker auf Klassiker, das große Repertoire.
Irgendwann kam der Schlusspfiff, die Anzeigetafel verkündete 8:0 für Bayern München. Unsere Spieler wollten vom Platz trotten, wir ließen sie nicht, "WIR WOLL'N DIE MANNSCHAFT SEHEN!" Etwas zögerlich, nicht wissend ob wir sie verarschen wollen, kamen sie zu uns. Um dann zu spüren, wir meinten das ernst. Wer am Boden liegt braucht keinen weiteren Tritt, der braucht ein weiches Kissen. Wir gaben es Ihnen. Inklusive Decke gegen die Kälte.
"Sportlich absolute Katastrophe, menschlich 1A. Meine Güte seid ihr bescheuert!", war die treffende Spielzusammenfassung, der Herren Klaus und Roman. Wie als Beweis dafür, dieses Spiel, diese Tour, wirklich erlebt zu haben unterschrieben wir uns gegenseitig unsere Eintrittskarten. "Ich würd's wieder tun! Klaus" und "Danke für den legendären Fußballabend! Mit sportlichem und freundschaftlichem Gruß, Roman", sind das Liebste was mir an Männerkomplimenten je zuteil wurde.

Klaus saß am nächsten Tag wirklich um 9 Uhr wieder 400 km weiter nördlich in Holgers Büro. Dieser hatte ein Einsehen und schickte ihn um 9:15 ins Bett mit der Bitte, erst am nächsten Tag wiederzukommen.
Für mich ging das Spiel ein paar Wochen später in die Verlängerung. Karnevalsfreitag in der Hitdorfer Schützenhalle. Andreas Rettig, damaliger FC Manager - kein schlechter, hinterließ den Verein schuldenfrei - feierte Fastelovend in seinem Heimatdorf. Am Bierstand stand er neben mir. Ich denk, sagste mal was.
"Das ist übrigens ganz okay, was du so machst.", informierte ich ihn.
"Bist du FC Fan?" fragt er darauf.
"Ein bisschen."
"Ein bisschen gibt es nicht!"
"Ich war in München!"
"Beim null zu acht?"
"Jepp!"
"Hier!" sprach Rettig und stellte sich wieder in der Schlange an, um sich ein neues Bier zu holen. Sein frisches war in meine Hand gewandert.

8:0 paar Bayern sind auch da.


Bildquelle: Sören Stache / dpa Bildfunk

Mittwoch, 9. August 2017

HENNES ARENEN Ullevi-Stadion

Ullevi
Göteborg

43.200 Plätze
Erbaut wurde das Stadion anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 1958.
Schweden setzte hier der Titelverteidigung Deutschlands im Halbfinale ein Ende.
Ein Desaster für die Helden von Bern. Diese schoben die Schuld den schwedischen Zuschauern in die Schuhe.
Das Ullevi fasste damals noch 53.000 Zuschauer. Erstmals gab es sowas wie einen Anheitzer. Ausgestattet mit einer analogen Flüstertüte gab er die Stimmung vor. Sprechchöre und rhythmisches Klatschen wurden so intoniert. Das Stadion verwandelte sich in einen Hexenkessel. Die deutsche Presse war aufgebracht. Sie schrieben von einem "patriotisch aufgeheizten Publikum". Die Atmosphäre wurde als unsportlich wahrgenommen. Geschenkt. Weltmeister wurde eh das 17-jährige Wunderkind Pelé, zusammen mit ein paar anderen Brasilianern.
Mir ist das Stadion seit der EM '92 vertraut. Dänemark gewann dort sensationell das Finale gegen Deutschland. Heute wird nur noch selten Fußball im Ullevi gespielt. Aktuell bereitet sich die Arena auf die Europameisterschaft des Pferdesports vor. Der IFK Göteborg trägt seine Spiele im Gamla Ullevi aus. Ein reines Fußballstadion ohne Laufbahn. Wie dort die Atmosphäre ist, erlebe ich am Donnerstag beim Derby gegen Stockholm. Bis dahin, sportliche Grüße aus Göteborg, euer Hennes.

Plakat der WM 1958

Dienstag, 8. August 2017

HENNES GÄSTE

1111 Klicks
20. Juli - 8. August


Alaaf, Danke und Helau!



 Ihn freut's! 
Die 1111. Klickerin erhält als Dankeschön eine Karte für kommenden Donnerstag, zum Nachholspiel der schwedischen Allsvenskan.
IFK Göteborg -  AIK Stockholm. Herzlichen Glückwunsch!
Spielbericht folgt.

HENNES ELEVEN Ewald Lienen


Ewald Lienen
Nichtraucher

Montagabendspiel der 2. Liga.
Hannover 96 – 1. FC Köln.
Saison 1999/2000, 30. Spieltag.

Sollte Köln gewinnen, dann ist ihnen der Aufstieg nicht mehr zu nehmen. Danach sieht es aber nicht aus. Hannover überrumpelt Köln, sie spielen sehr aggressiv und führen schnell mit 2:0.
Köln versucht über den Kampf ins Spiel zu finden. Etwas überraschend gelingt der Anschlusstreffer kurz vor der Pause. Lottner schließt aus sechs Metern ab, nach Zuspiel von Springer.
In den zweiten 45 Minuten entwickelt sich ein offener Schlagabtausch, mit viel Tempo.
Köln drängt auf den Ausgleich. Ein weiter Ball fliegt in den Strafraum der 96er, Lottner hat eine gute Möglichkeit, doch der Hannoveraner Lala rettet per Handspiel. Schiedsrichter Hufgard lässt zu Unrecht weiterspielen, im direkten Gegenzug erzielt Hannover das 3:1.
Ernüchterung macht sich breit.
Wir fangen an zu schwadronieren, dass es eh mehr Spaß macht zu Hause aufzusteigen, als irgendwo in der Provinz. Da will es die Legende, dass Feidens Bruder in unser Gezeter hinein verkündet: „Das ist mir sowas von egal! Ich feier heute Aufstieg!“ Diesen Worten lässt er als Tat, die Entzündung einer dicken, fetten Zigarre folgen. Seine Arme sind kaum lang genug so fett ist die.
Ab diesem Moment überschlagen sich die Ereignisse.
Cullman und Chichon stellen binnen drei Minuten den Ausgleich her. Feiden lässt uns wissen, dass der Anteil seiner Nikotinsucht daran gar nicht hochgenug zu bewerten sei.
Ab der 81. Minute mag ich mich seiner Meinung nur noch anschließen.
Der Köln - Ehrenfelder Alexander Voigt macht das einzig Richtige, wenn man nicht weiß wohin mit dem Ball. Er hämmert die Kugel mit einem Gewaltschuss ins Tor. Als ob es immer so einfach wäre. Pures Glück breitet sich wie dichter Zigarrenqualm aus.
Sechs Minuten vor dem Ende macht Kurthi alles klar. 5:3 gegen Hannover. Aufstieg 2000. Jan Hofer durfte die Nachricht ins Programm nehmen.
Trainer der Truppe war Ewald Lienen.
Er formte diese Mannschaft und prägte auch den Verein. Vor jedem Spiel sprang er über die Werbebande und schritt klatschend die Fankurve entlang. Danke fürs Kommen, gebt Gas!
Ewald Lienen ein Trainer mit ganz viel Haltung.
Nicht von ungefähr übertrug sich das friedlich tolerante Klima der Stadt, unter seiner Regie auch wieder auf den Verein. Aus dem Geißbock Echo ist mir eine Werbeanzeige aus dieser Zeit in Erinnerung. Dort war ein Zebra abgelichtet, es schaute seitlich in die Kamera. Sein Rücken war gesattelt mit der roten Decke von Geißbock Hennes. Darüber stand: FC für Toleranz!
Wie zerbrechlich dieser Frieden ist, davon wusste bald auch wieder der 1. FC Köln ein Lied zu singen.
Aber 2000 war dank Ewald erstmal wieder alles im Lot.

5:3 gegen Hannover. Ewald hät et jedonn!


Bildquelle: dpa

Montag, 7. August 2017

HENNES ELEVEN Neymar


Neymar 
Shots for free

Eine knappe Woche in Barcelona, Mai 2015.
Um die Ecke der Straße, in der zwei Freunde und ich ein Quartier bezogen hatten, lag eine kleine einladende Bar. Hohe Fensterfront, ein Bereich mit Tischen, Stühlen und Bänken, sowie eine leicht geschwungene, dezent dunkle Theke mit Barhockern.
Der ideale Ort um in die Nacht zu starten.
Lässig betrieben wurde die Bar von zwei über das Studium befreundeten Männern in den Dreißigern. Eric und Mateo. Unser erster Wortwechsel ergab sich durch das Bestellen dreier Cocktails. Diese wurden von den Beiden mit Hingabe gemixt, dementsprechend exzellent schmeckten sie auch. „Wir bieten eh nur vier Cocktails an,“, erklärte Eric. „die machen wir dann aber auch richtig.“ Klares Konzept, schöne Bar, herzliche Gastgeber. Wir fühlten uns augenblicklich wohl.

Natürlich kamen wir auf Fußball zu sprechen.
Unser Aufenthalt lag zwischen den Spielen des Champions League Halbfinals, Bayern-Barca. Barcelona gehört nicht zu den Städten in denen man nicht merkt, welcher Club dort beheimatet ist. Das liegt nicht nur an den ganzen Messi Trikots, die von Babygröße bis dreimal größer Messi, in jedem Souvenirlädchen der Stadt zum Kauf bereit hängen.
Als Barca dienstags in München spielte, erfüllte der Klang des Fußballs die ganze Stadt. Ein Konzert aus Ahs und Ohs drang hinaus auf die Plätze, die im warmen Abendlicht für 90 Minuten Spiel, kampflos den Touristen überlassen wurden.
Eric ist Katalane und Barca Fan. Mateo, Freund und Teilhaber stammt aus der Gegend um Madrid. Sein Herz schlägt für Real. Der Freundschaft tut dies keinen Abbruch. Bei den Beiden ist die Fußballrivalität genau dort wo sie hingehört. In der Welt des Flachs und der Ironie. Ein Ort in dem sie auch in meinem Freundeskreis fest verwurzelt ist. Auch wenn es manchmal stürmt.

So war es auch der Real Madrid Fan Mateo der mir auf englisch erzählte, wie sehr er Barcelonas ehemaligen Trainer Pep Guardiola schätze. Seinen geistigen Ansatz, seine Menschenführung. Er stelle den Teamgedanken über alles Andere. Keiner ist wichtiger als die Gruppe. Eine sehr katalanische Haltung und Ausdruck seiner Wurzeln, erklärte er mir.
Auch Guardiolas erste Schritte beim FC Bayern habe er ganz genau verfolgt. Beeindruckt sei er gewesen, dass Pep seine erste Pressekonferenz bereits auf Deutsch gehalten habe. Für ihn auch Ausdruck, mit welchem Respekt Guardiola den Menschen begegnet.
Da hakte ich ein. Verständig nickend sagte ich zu ihm:
‚I do understand that well. My home club the 1. FC Köln at the same time hired a foreign coach. We were surprised about his good German! Very impressive. And he is from Austria! From Austria!'
Ab da gab’s die Shots for free.
Meine Freunde danken es mir heut noch. Mein' ich.

Neymar sahen wir im Spiel gegen Real Sociedad live im Stadion. Ein Vergnügen welches sich Eric und Mateo nur noch höchst selten leisten. Die Eintrittspreise sind einfach astronomisch hoch.
Von Neymar ist mir eine spektakuläre Ballannahme in Erinnerung geblieben. Mit Kung Fu Sprung den Ball aus der Luft pflücken, einmal um die eigene Achse drehen, den Ball über sich hinweg schlagen, nochmal drehen und den Ball in Richtung Tor mitnehmen. Alles im höchsten Tempo. Klar, ein überragender Fußballspieler.
Jetzt haben ihn die katarischen Eigner von Paris Saint Germain unter Vertrag genommen. Das Gesamtvolumen des Transfers soll 500 Millionen Euro betragen. Eine halbe Milliarde! Für einen Spieler eines Spiels!
Insofern hat auch die Cocktail Geschichte ihren Sinn.
Diesen Transfer kann sich mancher nur noch schön saufen.

Neymar, gut geölt in neuen Farben.


Bildquelle: fundresearch

Sonntag, 6. August 2017

HENNES ELEVEN Rudi Völler

Rudi Völler 
Torjäger

Seit einer Viertelstunde versuchten sie es.
Rudi Völler sollte sein Tor erzielen.
Mit der letzten Möglichkeit klappte es.
Hans-Peter Lehnhoff zog eine Flanke von der rechten Seite, butterweich an den Fünfmeterraum. Dort lauerte Völler. Seit seiner Einwechslung bemühten sich die Mitspieler, die eine Chance für ihn herauszuspielen. Jetzt war sie da und Rudi selbstverständlich auch. Schulbuchmäßig nickte er den Ball ins Tor.
4:0 für Bayer Leverkusen gegen Eintracht Frankfurt.
Zur Nennung des Torschützen nutzte die Stadionregie, die gesamte Breite der Anzeigetafel aus.

4:0 Ruuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuuudiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii (90.)

Der Mann war beliebt wie damals kein Zweiter.
Wie vor ihm nur Uwe Seeler - nach ihm nur Podolski.
Vor seiner Einwechslung lief er zwischen den beiden Blöcken A und G, die Torauslinie auf und ab. Es war egal auf welchen Block er zulief. Jedes Mal schallte ihm der lang und länger gezogene Ruf seines Namens entgegen. Dies ist insofern bemerkenswert, da im G-Block die Fans der Eintracht standen. Mit ehemaligen Kickers Offenbach Spielern können die für gewöhnlich nichts anfangen. Rudi war aber nicht gewöhnlich.
Rudi war die große Ausnahme. Er quittierte die Rufe zunächst mit Zuwinken, nach dem fünften Mal dann mit Abwinken. Inklusive typisch verschmitztem Völler Grinsen.
Das Spiel lief an einem sonnigen Sonntagabend, Ende August ´94. Ich erwähnte es schon im Text über Bernd Schuster. Genau in diesem Spiel erzielte Schuster das Tor des Jahrzehnts.
Ich hätte es nicht schauen können, wäre das Spiel samstags gewesen. Aber sonntags gab es frisches Taschengeld. Zusammen mit den restlichen Münzen der Vorwoche, reichte mein Budget für die Eintrittskarte. So schwang ich mich am späten Nachmittag aufs Rad und fuhr die fünfzehn Kilometer zum Stadion.
Es war die Zeit in der die Legionäre heimkamen. Matthäus nach München, Effenberg nach Gladbach, Andreas Brehme –der konnte links wie rechts- nach Kaiserslautern. Reuter, Sammer, Möller und Riedle -später noch Kohler- für zwei Meisterschaften und eine Champions League nach Dortmund.

Hatten sich die Transferbemühungen von Bayer 04 bisher überwiegend auf Brasilianer und ehemalige DDR Nationalspieler beschränkt, mischte man jetzt erstmals im Transfergebaren der Topclubs mit. Erst ´93 Bernd Schuster, jetzt Rudi Völler. Als die beiden wieder weg waren kam Christoph Daum an die Seitenlinie. Mit ihm dann auch endlich der maximale sportliche Erfolg. Schöner Fußball ohne Titel.
Den hätte es sicherlich gegeben, wenn Calmund auch mal Geld für einen richtigen Torwart in die Hand genommen hätte. Bei Oliver Kahn scheute er das Risiko, die Bayern griffen zu. So dauerte es noch viele Jahre bis erstmals ein brauchbarer Torwart im Kasten der Werkself stand. Da war das Vize-Image längst begründet. Jeder trägt halt den Schuh in den er schlüpft.

In seiner ersten Saison traf Völler 16 Mal in 30 Spielen, war jeweils überragend in den rheinischen Duellen gegen Köln und Gladbach. Insgesamt lief die Saison jedoch nicht rund für Bayer 04. Nur Platz 7 am Ende. Seine letzte Saison bescherte ihm dann Abstiegskampf pur. Eine neue Erfahrung. Zehn Tore steuerte er zum Klassenerhalt bei. Ein versöhnlicher Abschluss einer großen Karriere.
Der früh ergraute Wolf hing seine Schuhe an den Nagel.
Rudi Völler. Einer der besten Torjäger aller Zeiten.

 Pure Dynamik in Rom: Rudi Völler

Bildquelle: IMAGO

Samstag, 5. August 2017

HENNES POKALE Fuji-Cup

Freunde der Ritsch Ratsch Kamera,

lasst uns mal kurz des Fuji-Cups gedenken.
Er war ein Saisonvorbereitungsturnier, für die ersten vier Clubs der Vorjahrestabelle. Gespielt wurde in kleineren Fußballstädten wie Würzburg, Lüdenscheid, Koblenz oder Passau. 1986 als Casio-Cup gestartet wurde er bis 1996 ausgespielt. Fuji-Cup Rekordsieger ist der FC Bayern. Aber auch Dortmund, Frankfurt, Bremen und Stuttgart gewannen den Glaspokal. Und das Allerschönste war: er wurde nicht so ernst genommen. Keiner der Teilnehmer forderte Dank für seine Teilnahme ein.
Der Fuji-Cup, schlecht war der nicht.
                                               

Heute Abend: Supercup
Pokalsieger - Meister
Dortmund - Bayern


Supercup '87
HSV - Bayern
  Wegmann trifft gegen Stein
Stein trifft Wegmann




Bildquellen: imago sportfotodienst

HENNES ELEVEN Bastian Schweinsteiger

Bastian Schweinsteiger
Reingekämpft

Der Grund weshalb Bastian Schweinsteiger in Hennes Eleven steht ist simpel. Er hat gegen den 1. FC Köln zumeist gut gespielt.
Der FC gehört nicht zum täglich Fallobst der Bayern. Das sind meist enge Spiele. Ein Querschnitt:
Milivoje Novakovic dreht zur Fastelovendszick ein Spiel im Alleingang. Zack 3:2, unten war'n die Lederbuchsen!
Fabrice Ehret beschert Daum seinen einzigen Sieg in München. Kapitel zwei vom Nasenmann in Köln.
Feulner und Streit beantworten die T-Frage vor der WM 2006, Jens Lehmann darf Zettel lesen. Der Ehren halber, Oliver Kahn legt noch ein sensationelles Spiel um Platz 3 hin. Eines seiner Besten. Wenn der Druck mal weg ist! Hätte er das mal früher gewusst. In seiner Druckphase haute ihm der Herr Podolski den Ball in den Winkel. Und letztes Jahr Modeste? Bitte! Wie herrlich anzusehen dieser Kung Fu Kick! In die Kiste des Welttorhüters aus Gelsenkirchen-Buer. Am Ende noch die Chance auf’s 2:1… Ich schweife ab.
Jedenfalls, Schweinsteiger hat gegen Köln öfter den Takt gehalten als krumm gespielt. Das kann man ja ruhig mal erwähnen. Alles andere hätte ihm in der Nationalmannschaft auch blöde Sprüche eingebracht. Die gab es dann halt zu anderen Themen.
Bastian Schweinsteiger. Bei dem habe ich nix zu meckern.
Als sich Löw und Schweinsteiger nach dem WM Gewinn um den Hals fielen, war da keine Berechnung. Da waren nur zwei alte Jungs für die sich ein Traum aus Kindertagen erfüllte. Pure Freude. Verständlich, dass es die Beiden emotional erstmal wegflexte. Das war in all dem Gegröle echt rührselig. Kann man auch mal erwähnen.

*** / 2006✘ 2010✘ 2014✓ / ****

Bildquelle:Srdjan Suki

Freitag, 4. August 2017

HENNES MEINUNG Christian Streich wörtlich zum Neymar Transfer

Christian Streich
Trainer SC Freiburg

Ich hab’s schon so oft zitiert. Der Mammon steht nicht umsonst in den großen Büchern. In den Alten. Der Mammon ist eine der größten Gefahren für den Menschen. Dass der Mammon über sie Besitz ergreift. Und das musst du jedes Mal wieder reflektieren, das geht mir genauso. Ich rede nicht von den anderen Leuten, ich rede genauso von mir. Das ist eine enorme Gefahr. Ich lebe in einer Welt in der es um ganz viel Geld geht. Ich verdiene viel Geld. Ich bin hoch privilegiert. Aber es geht immer drum, sich die ganze Zeit darüber zu reflektieren.

Weil die Macht des Geldes ist grenzenlos. Es steht nicht umsonst in den großen Büchern. In allen Religionen steht’s. Es geht nicht um Religion, aber in allen großen Büchern steht es. Was macht Geld mit den Menschen? Aber die Einsicht kommt nicht bei den Menschen. Die Verführung ist zu groß. Man will Sicherheit. Das ist normal wenn du Geld hast.

Leute die sehr viel Geld haben, die wollen noch ein bisschen mehr Geld. Weil sie sich sagen -es ist ihr inneres Gefühl: ‚Ja aber, wenn das und das passiert, dann habe ich noch mehr Sicherheit'. Es ist nicht immer ein böser Gedanke dahinter, wenn man mehr Geld will.
Es ist die Sehnsucht nach Sicherheit und Anerkennung. Deshalb verdient einer 10 Millionen und der Andere will, das hört man manchmal, einen etwas größeren Vertrag. 11 Millionen. 
Warum will er die? 
Nicht weil er böse ist. Er will die Anerkennung und noch mehr Sicherheit. Man findet immer Argumente. Man hat eine Familie, noch eine größere Familie. Was ist wenn der krank wird? Was ist wenn…? Du findest immer Argumente. Das ist nicht böse wenn man das will. 
Aber das Geld… 
Es ist irreal. Es passieren völlig irreale Dinge. Aber diese irrealen Dingen kommen aus dem Bestreben raus: ‚Ja um Gottes Willen, wenn das und das passiert, dann habe ich nix mehr. Stell dir das mal vor!' Und je mehr du hast desto mehr denkst du dran was passieren könnte. Jemand der nicht viel hat der kann nicht dran denken, dass viel weg ist. Weil er nicht viel hat. Ich sage nicht, dass es ihm besser geht. Ich sage was psychologisch passiert. 

Und das ist Geld. Du musst dich die ganze Zeit damit auseinander setzen, dass dich Geld nicht beherrscht.
Es ist keiner glücklicher, weil er jetzt 100.000 im Monat verdient oder 50 Tausend. Das spielt keine Rolle. Es macht keinen Unterschied. Mehr als essen und... Null! Die Statistik sagt, es ist ein Unterschied ob du 800 Euro Netto im Monat verdienst und eine Familie ernähren musst. Und nicht kannst! Weil du ihr nichts kaufen kannst. Und die Anderen haben alle Spielzeug und iPad und dein Kind hat das nicht. Dann hast du ein Problem. Oder kannst ihm nichts geben. Oder darf nicht mit ins Schullandheim, wenn du keine 50 Euro hast.

Ob du drei ein halb Netto zur Verfügung hast, oder vier ein halb Netto, oder 50 Netto, es ist egal. Das weiß man aus Erhebungen. Man ist nicht glücklicher. Aber das Bestreben, nach noch einmal mehr Sicherheit und Anerkennung, das ist normal. Das geht mir genauso. Ich muss es immer reflektieren. Das ist der Prozess der jetzt stattfindet. 
Das ist so. Deswegen gibt es dazu eigentlich gar nichts mehr zu sagen. Wenn du psychologisch weißt wie der Mensch ist. Wie ich bin. 

Wir haben Financial Fairplay. Reglementierung. Entschuldigung, ich bin kein Experte zum Financial Fairplay. Ich sehe da manchmal:  
Oh ho! 250 Millionen Schulden. Och die haben sich einen Spieler gekauft. Aha, na ja gut, das ist der Gegenwert. Aha. Gut. Und bei den Anderen, die da grad untergehen? Die dann plötzlich insolvent sind? Ja haben die kein Gegenwert? Aha!' 
Wie wird das bemessen, das Financial Fairplay? Das ist immer so `ne Sache mit der Regel. Wenn du Regeln aufstellst, musst du sehr gut überlegen welche Regeln du dir aufstellst. Das Sie auch gerecht sind. Sonst machst du lieber keine Regeln. Wenn sie eh einfach umgangen werden können. Oder wenn es unterschiedliche Bemessungen gibt. Schwierig.

Von dem her. Mich interessiert es nicht. Mir ist es völlig egal, ob der 220 Millionen kostet, wirklich, oder 440 Millionen. Wirklich, das können Sie mir glauben. Ganz ehrlich. Es löst bei mir nichts mehr aus. Es ist mir völlig egal. Weil ich kann keine Unterscheidung mehr finden zwischen 220 und 440 Millionen. Bei den Summen... es übersteigt meine Fähigkeit das einzuordnen. Ich kann’s nicht einordnen. 

Reporterzwischenfrage: 
Aber guckt man nicht den Euro im eigenen Portemonnaie nochmal anders an, wenn man die anderen Rechnungen aufmacht? Ist da nicht doch ein Zusammenhang?                           

Streich: 
Wenn ich da im Fußball bin? Wenn ich da bin wo ich bin? Oder was meinen Sie?
     
Reporter: 
Da wo es Ihnen egal ist ob es 220 oder 440 Millionen sind.
  
Streich: 
Nein, es ist mir nicht egal! Ich kann es aber nicht mehr bemessen! Nein, es ist nicht egal! Natürlich ist es nicht egal! Aber ich habe keinen Zugriff mehr. 
Auch keinen mentalen. Keinen emotionalen Zugriff mehr. Was, was…? Wissen Sie! 
Ich will gar nicht mehr diese Summe lesen. Es interessiert mich nicht mehr! Ich lese es ja eh nicht. Ich hab es auch jetzt nicht gewusst! Zum Beispiel wieder. 
Es interessiert mich nicht. Es ist mir egal. Weil es passiert etwas… es ist schade… 
Ich weiß nicht wie es Leuten geht, die nichts haben. 
Wenn die das lesen. Welche Frustration eintritt und ob sie sagen: ‚Ja und ich geh arbeiten, für des und des. Und… eigentlich mach ich doch lieber nix und hol mir auch irgendwo was.' 
Wenn sie wissen was ich meine. 
Also ich weiß nicht, ob es förderlich ist für unsere demokratische Ordnung und für… ja, ja. Ich weiß nicht ob es gut ist. 
Ich glaube es ist nicht gut. Aber ich werde es nicht verhindern. 
Wir sind im irrealen Bereich, das was ich grad gesagt hab. 
Aber es ist grad Realität.

 Unbezahlbar. Christian Streich



Bildquelle: imago/R. Wittek, dpa

Donnerstag, 3. August 2017

HENNES ELEVEN Naldo

Naldo
Ronaldo Aparecido Rodrigues

Saison 2005/2006
Der letzte Winter vor dem Sommermärchen.

Norbert Maier spielt am Nikolausabend Knecht Ruprecht und hat eine Kopfnuss für Albert Streit dabei. Wer es nicht weiß, Norbert Maier ist Trainer des MSV Duisburg, Albert Streit Spieler vom 1. FC Köln. Maier, dieser falsche Fuffziger sinkt daraufhin zu Boden. Mimt das Opfer! Schmierentheater. Streit sieht rot. Für den Schiedsrichter - Manuel Gräfe - bringe ich mittlerweile sogar Verständnis auf. Wer glaubt schon, dass ein Trainer einen Spieler niederstreckt? Mit einem Mann weniger kommen wir nicht über ein 1:1 hinaus.
Es war ein Nachholspiel. So steht die Mannschaft fünf Tage später schon wieder auf dem Platz. Ohne den gesperrten Streit. Auch Podolski sitzt eine Gelbsperre ab. Es ist der 16. Spieltag. Gegner im Rhein-Energie-Stadion zu Müngersdorf, Werder Bremen. Bei diesem Club rumpelte Maier als Spieler, aber das nur nebenbei.

Der FC geht 1:0 in Führung. Das entspricht nicht ganz dem Spielverlauf, ist uns aber Wumpe.
Noch vor der Pause gleicht Werder aus. Naldo bringt einen Freistoß aus 30 Metern unhaltbar im Kölner Kasten unter. Vollspann, volles Karacho in den Winkel. Die ganze Südkurve staunt Bauklötze. Ich lasse mich dazu hinreißen anerkennend in die Hände zu klatschen. Meine Stehplatznachbarn sind etwas irritiert, ich frage: „Ja was denn?“ „Hast ja Recht, war nicht schlecht!“, ist die verständige Antwort.

Der ganze Verein Werder Bremen ist zu der Zeit nicht schlecht. In den zweiten 45 Minuten nehmen sie uns auseinander, 1:4 der Endstand. Die Meistermannschaft von 2004 war vom Erfolgsduo Allofs/Schaaf nochmal verstärkt worden. Micoud ist noch immer der überragende Spielmacher. Tim Borwoski spielt die beste Saison seines Lebens und im Sturm treffen Klose, Valdez und Klasnic nach Belieben. Am Ende der Saison stehen nur die Bayern besser da, als die Elf vom Weserstrand.

Auch in der Champions League hätten sie es weit bringen können. Doch der ganz in rosa gewandete Rheinländer Tim Wiese, rollt sich im Juventus Stadion einmal zu viel ab. Tags darauf rocken BAP andere kölsche Leeder, in Bremen. In tiefer Verbundenheit erscheinen sie in rosa Wiese Trikot. Aff un zo steht mer sich selvs em Wääsch. Kopp huh Jung!

Wenn ich an Werder Bremen denke, dann denke ich auch an den Fußballkommentator Rolf Töpperwien. Bisweilen wirkte er nicht wie ein objektiver ZDF Angestellter, sondern wie der persönliche Pressesprecher des Trainers, Otto Rehhagel. Ein Pressesprecher mit hohem Sendungsbewusstsein. Er war der Erste, der sich bei jedem Interview selbst mit ins Bild drängte. Nur den Spielern den Platz auf der Mattscheibe zu überlassen und schön brav aus dem Off zu arbeiten, kam für Töppi nicht infrage.
1992 so schien es, hatte er die komplette Bremer Flughafen Leitung unter seinen Fittichen.
Bremen gewann am Vortag, durch ein 2:0 über den AS Monaco, den Europapokal der Pokalsieger - je schneller man den Cup ausspricht, umso schöner wird's. Nun stehen der übliche Autokorso und die Feier auf dem Rathausbalkon an. Schon am Flughafen warten die Fans zu Tausenden, auf ihre Helden. Zusammen mit meinen Brüdern verfolge ich das Spektakel am Fernseher. Rolf Töpperwien kommentiert.

Das Flugzeug mit den Pokalhelden landet. Die Treppe wird herangefahren. Langsam gehen die Türen des Flugzeugs auf. Wie es um Töpperwiens Selbstverständnis bestellt ist, hören wir Sekunden später. Nur zu erzählen was geschieht reicht ihm nicht. Töppi dreht die ganz großen Räder. Inklusive staatsmännischer Huldigung für Konig Otto.
Voller Inbrunst und Überzeugung platzt es aus ihm heraus:
„Und ICH gebe jetzt das Signal! Otto Rehhagel betritt deutschen Boden.“

Meine Brüder und ich gucken uns an und platzen fast vor Lachen.
Töppis Betonung liegt eindeutig auf dem Ich. Was um alles in der Welt hat er damit zu tun, wenn die Tür des Flugzeugs aufgeht?
„Pilot an Tower! Können wir landen?“
„Einen Moment bitte. Töppi hat noch kein grünes Licht gegeben!“
Ja, ja...in deinen Träumen Digga!

Rolf Töpperwien, Europapokalsieger 1992


Bildquelle: noz.de

Mittwoch, 2. August 2017

HENNES ELEVEN Christian Wörns

Christian Wörns
Rostbratwurst

Ulrich Haberland setzte sich bei den Besatzungsmächten für den Fortbestand der Bayer AG ein.
Zuvor klagten ihn die Alliierten nicht wie andere Vorstandsmitglieder bei den I.G.-Farben-Prozessen an, da seine Vorstandsernennung nur mündlich erfolgte. Somit war keine Aktennotiz vorhanden.
Einer Nachkriegskarriere stand nichts im Wege. Die Briten sahen in ihm eine zukünftige Führungskraft. So wurde er bei der Neugründung der Bayer AG 1951, Vorstandsvorsitzender. Der Fußballplatz neben der Autobahn wurde noch zu Lebzeiten nach ihm benannt.

Am 18.11.1995 trafen sich dort im kapitalistischen Schwesternduell, Bayer 04 und Uerdingen 05. Bei denen hatte sich der große Tablettenkonzern, kürzlich erst aus dem Namen verabschiedet. Das Geld blieb aus, der KFC Uerdingen 05 stieg in der Folge ab. Das Oberhaus hat Krefeld seither nicht mehr gesehen. Nur der Gegner heißt manchmal noch Oberhausen.
Wir saßen auf der Gegengerade. Oder wie sie hier hieß, Familystreat. Drei befreundete Bayer Fans und ich, in der Hochphase unserer Pubertät. Die Karten gab es umsonst. Mit uns waren 18.600 Zuschauer zugegen.

Den eigentlichen Moment, in dem sich Christian Wörns in die Hennes Eleven spielte, habe ich gar nicht genau mitbekommen. Wir alle vier nicht. Es war ein Grottenkick. Nach einer Ecke für’n Bayer, entwickelt sich im Fünfmeterraum ein Gestocher um den Ball. Ein Knäuel aus Spielern. Die Einen schaffen es nicht den Ball im Tor unterzubringen, die Anderen es nicht ihn rauszuschlagen. Irgendwann ist er dann doch drin. Wie und wer? Keine Ahnung!

Status Quo plärrt aus den Boxen. Zwei pixelige Hände schlagen auf der hochmodernen Anzeigetafel ineinander. Um mich rum springen alle auf. Der Bayer hat ein Tor geschossen. Immerhin haben sich hier alle schnell wieder im Griff. Man setzt sich wieder. Mich hatte es nicht vom Sitz gehauen.
Der Stadionsprecher verkündet den neuen Zwischenstand.
„Torschütze. Der Spieler mit der Nummer vier…“

Ich springe hoch. Reiße beide Arme in die Luft. Drehe mich einmal um die eigene Achse. Zeige zugleich Bäcker Faust und Kuntz Säge. Interpretiere Roger Millas '90er Fahnentanz in '95 und brülle enthusiastisch heraus: „Jawoll! Der Wöri war`t!“
Mütter wie Väter halten ihren Kindern die Augen zu. Rentner klammern sich ängstlich aneinander fest.
Warum geht der denn jetzt so ab, ist die sich raumgreifende Frage.

Zwei meiner Freunde lachen lauthals auf und klatschen in die Hände. Sie wissen worauf meine Freude fußt. Der Andere sackt in sich zusammen, senkt den Kopf und hält sich die Hände vors Gesicht. Er hat einen kapitalen Bock geschossen.
Auf dem Weg ins Stadion hat er für den Fall der unmöglichsten Fälle, eine hohe Prämie ausgelobt. „Wenn der Wöri heute ein Tor macht, dann gebe ich jedem von euch `ne Rostbratwurst aus!“
Ich hörte nur Nummer 4 und wusste, die Beute ist im Sack. Christian Wörns hatte getroffen. In der Halbzeitpause gab es Rostbratwurst mit ordentlich Senf drauf. Der war ja auch umsonst. Preisleistungsverhältnis ist das Stichwort.

Bei ran sah ich später am Abend, der Wöri hatte ihn mit der Kniescheibe gemacht. Er konnte einfach nicht mehr wegziehen bevor er angeschossen wurde. Den Rest des Spiels habe ich null in Erinnerung. Ich dachte auch das Spiel ging 1:0 aus. Aber selbst das stimmt nicht. Wie es ausging? Das könnt ihr selber nachschauen. Musste ich ja auch.
Am Ende der Saison weinte dann Andi Brehme – der konnte links wie rechts - in Rudi Völlers Armen. Mit diesem romantischen Bild entlasse ich in die Nacht. Auf Wiederlesen.

 Gute Freunde kann niemand trenenn

Dienstag, 1. August 2017

HENNES ELEVEN Ralf Zumdick

Ralf Zumdick
Katze

Ein Schulfreund lud mich auf seinen 11. Geburtstag ein. Sein Opa war Zeugwart bei Bayer Leverkusen. Wir feierten bei einem Bundesligaspiel.

Vorher zeigte er uns noch die Katakomben des Stadions. Das erinnere ich alles vage. Kabinen mit Schwimmbadspinden und den grünen Liegen die auch beim Doktor stehen. Riesige Waschmaschinen in denen man super Verstecken hätte spielen können, aber natürlich nicht durfte. Dafür ließ uns der Opa im Presseraum Cola trinken. Cola trinken war immer `ne gute Option.

Dann ging es raus auf die Haupttribüne. Es wird nicht viele überraschen wenn ich sage, der Bayer war für mich damals nicht die große, weite Fußballwelt. Das war der kleine Club von nebenan, der vom Katzentisch wegwollte. Unterm Bayerkreuz ging es beschaulich zu. Das Stammpublikum von heute wuchs gerade erst heran.

Es ist der 27. Spieltag der Saison `90/`91. Kaiserslautern, Bremen, Bayern und Hamburg belegen die ersten vier Plätze und kämpfen noch um die Meisterschaft. Zum Ende wird es ein Zweikampf Kaiserslautern, Bayern. Die Pfälzer werden das Rennen machen. Weil sie eben doch nicht so blöd sind, wie Stefan Effenberg es ihnen unterstellt hat.

Der VfL Bochum 1848 ist zu Gast im Haberland. Sie verlieren mit 2:4. Halten am Ende aber selbstverständlich die Klasse.
Diesen Verein umweht zu der Zeit ein Mythos. Sie etablieren ein neues Wort im Fußballsprech. Unabsteigbar. Die Unabsteigbaren. Vor jeder Saison werden sie als Abstiegskandidat gehandelt. Jahr um Jahr schaffen sie den Klassenerhalt, oft erreichen sie ruhiges Fahrwasser im Mittelfeld der Tabelle. Seit der Saison 1971/72 kickte Bochum ununterbrochen erste Liga. Mit dem Bayer war man damals auf Augenhöhe. 1988 stand der VfL Bochum im Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt. Wilfried Heitmann war an diesem Tag Schiedsrichter. Er zerstörte alle Bochumer Titelträume. Ein lupenreines Tor der Bochumer erkannte er nicht an. Tragisch. Bestechung kann es ja nicht gewesen sein, die läuft ja nur woanders.

Die Bochumer Recken kannte ich alle. Bochum war auch immer die Mannschaft, von der ich gefühlt die meisten Paninibilder doppelt hatte. Rob Reekers und Jupp Nehl. Legende Walter Oswald. Rocco Milde und Marek Lesniak. Dazu zwei gleichstarke Torhüter.

In dieser Saison stand Andreas Wessels im Kasten.
Wie immer früher als die Feldspieler, kamen die Torhüter zum Aufwärmen raus.
Der Gästeblock lag damals noch links neben der Haupttribüne, da standen die meisten Bochumer unter den isgesamt 10.000 Zuschauern. Andreas Wessels wurde besungen und beklatscht. Jedoch die gößere Unterstützung und Anfeuerung erhielt die Nummer zwei, der Reservekeeper. Ralf „Katze“ Zumdick. „Katze! Katze!“ schallte es minutenlang von der Tribüne während er Wessels die Bälle in die Arme schoss. Das beeindruckte mich. Bisher hielt ich den Reservekeeper immer für die unwichtigste Person im Team. In Bochum war er also eine Vereinslegende. Alles eine Frage der Haltung. Sportlich nahm er den Kampf auf. In der neuen Saison kehrte Zumdick zwischen die Pfosten zurück. Sicher auch mit Unterstützung der VfL Fans.

Torhüter sind seit jeher spezielle Typen. Als Nummer zwei ein wichtiger Teil der Mannschaft zu sein, erfordert nochmal speziellere Eigenschaften. Zumdick hatte diese. Tom Starke wohl auch. Thomas Kessler ist auch so ein spezieller Typ. Die Nummer zwei bei Köln hinter Timo Horn. Er hat seine Hände auch nicht nur zum Tragen der KessCam. Letzte Saison konnte er das mehrfach beweisen. Timo Horn war verletzt. Kessler vertrat ihn. Seine Paraden in Gladbach werden wohl jedem FC Fan in Erinnerung bleiben. Wegjehauen ham wa se!


(fast) Pokalsieger 1988 VfL Bochum 1848


Bildquelle: vfl-bochum.de

Montag, 31. Juli 2017

HENNES ELEVEN Ronaldo

Ronaldo
Ronaldo Luís Nazário de Lima

Wir gehen in die Mitte des Septembers 1994, zum Hinspiel der ersten Runde im UEFA-Cup. Bayer 04 Leverkusen empfängt den PSV Eindhoven. Das Spiel hatte ich irgendwann ganz vergessen. Die Randale hatte ich noch im Hinterkopf und dieses Megatalent. Das schob sich irgendwann wieder zusammen. Natürlich, das war Ronaldo!

Ein Teil der Gäste war auf Krawall gebürstet. Kassenhäuschen wurden angezündet. Um diese herum fehlten quadratmeterweise die Pflastersteine. Herausgerissen als Wurfgeschosse gegen die berittene Polizei. Ohne Rücksicht auf die Pferde. Deren Job ist es ganz sicher nicht, sich von randalierenden Idioten quälen zu lassen.
Das lief alles schon vor dem Spiel ab. Zwischen Haupttribüne und Gästeblock. Alles auf engem Raum. Das Sicherheitsspalier der Hundertschaften gewährte uns Schutz und Einblick zugleich. Die Neugier kitzelte meine Angst. Die ließ sich aber nicht beirren und geleitete mich sicher ins Stadion.

Dann trat das Spiel in den Vordergrund. Und wie!
Bayer gewinnt 5:4.
Kirsten netzt dreimal, Tom Dooley und Bernd Schuster je einmal.
Im Grunde haben sie PSV im Griff. Nur ihren 17 jährigen Wunderstürmer Ronaldo nicht.
Er spielt herrausragend. 3 Treffer belegen es. Er dribbelt unzählige Male spektakulär durch die Leverkusener Reihen. Dazu ist er ein exzellenter Distanzschütze. Offensiv läuft alles über ihn. Hier spielt Bayer gegen Ronaldo. Der Brasilianer galt als der neue Pelé. An diesem Abend mochte man es glauben.
Das Rückspiel endet 0:0. Ich habe mir eben mal Ausschnitte davon angesehen. Was für eine Treterei, alle auf Ronaldo! Und der Bayer ist auf der grobschlächtigen Seite optimal besetzt. Pavel Hapal, Christian Wörns, Jens Melzig, Markus Happe und Tom Dooley. Da wird Heiko Scholz zum Techniker. Ioan Lupescu muss hier noch Erwähnung finden! Den mochten sie auch beim Bayer in Lummerland.
Kennt`er?
Ronaldo  kannte kurze Zeit später die ganze Welt. 2002 Weltmeister und Finaltorschütze. Bei der WM 2006 hatte Ronaldo nicht mehr viel von 1994. Träge schleppte er sein Gewicht über den Platz. In einem Leipziger Biergarten verfolgte ich das zweite Gruppenspiel der Brasilianer und bekam richtig Mitleid mit ihm. Den Jungen hatten sie ausgepresst wie eine Zitrone. Nike drängte stärker auf den Fußballmarkt. Ronaldo war ihr Zirkuspferd. Also nahm er auch Mittel wie eins.

Welche kann jeder nachlesen. Thomas Kistner ist Redakteur der Süddeutschen Zeitung. International ist er einer der renommiertesten investigativen Spotjournalisten. Sein Buch Schuss - die geheime Dopinggeschichte des Fußballs- erschien 2015 im Droemer Verlag. Ronaldos Geschichte findet ihr in Kapitel 4. Doping bei WM-Turnieren. Der Spaziergänger von St. Denis.

Spritzensportler


Bildquelle: Getty Images

HENNES ELEVEN Lukas Podolski

Lukas Podolski
Heimspiel

„Hat euer Fanclub das organisiert?“, fragt mich mein Sitznachbar im Dortmunder Westfalenstadion. Ich bin nicht ganz im Bilde. „Was?“ Er zeigt auf die anderen Tribünen. „Na dass ihr alle hier seit!“
„Ach so! Nä! Viele haben sich einfach spontan auf den Weg gemacht. Ich auch. Weil, is der Lukas!“
Wir lachen.
Deutschland spielt gegen England. In Germany we call it a Klassiker (Zitat Franz B.).  Könnte einem eigentlich egal sein. Es ist aber Lukas Podolskis letztes Länderspiel. Da simmer natürlich dabei! Ruut un Wieß wohim'ma och luhrt! Köln hat Heimspiel in Dortmund.

Ich sitze auf der Nordtribüne zwischen einer kleinen Gruppe Borussen.
In der Halbzeitpause hole ich mir ein Bier. Das geht in Dortmund übrigens ratz fatz.
Auch mein Nebenmann kommt mit Bier zurück. Vertraut kumpelhaft wird er von hinten rechts angesprochen. „Ey, wo habter denn dat Bier her?“
Ich werde hellhörig. Die Frage ist ernst gemeint! Wo habter denn dat Bier her? Wie ist der hier reingekommen? Wie schafft man es in Dortmund in den Block, ohne über einen Bierstand zu stolpern? Überall Theken und mobile Zapfanlagen. Die hätten hier eher keinen Hybridrasen auf'm Platz!
Mein Sitznachbar, der mich jetzt eindeutig an die westfälische Ausgabe von Charly Sheen erinnert, bleibt cool. Den Becher fast schon an den Lippen hält er inne, deutet minimalistisch auf die gegenüberliegende Seite und spricht mit ruhiger dunkler Stimme: „Von drüben.“ Kurze Pause. „Ich woll’t ma gucken wat auf der Süd so los is.“
Ich lache mich kaputt. Lachen verbindet. Wir kommen ins Gespräch.
Dazwischen verfolgen wir weiter das Spiel.
Es läuft die 69. Minute.
Aus dem Mittelfeld spielt Toni Kroos einen Flachpass vertikal auf Schürrle. Der legt ab auf Podolski, gut 25 Meter vor dem Tor. Lukas nimmt den Ball mit rechts an und zieht ihn sich auf den linken Schlappen.
In diesem Moment hält es mich schon nicht mehr auf dem Sitz.
Lukas holt in vertrauter Bewegung aus.
Ich hüpfe auf der Stelle. Fußball Ticks, ihr kennt das.
Podolski trifft die Kugel optimal!
Ich bin mir sicher jetzt rappelt's im Karton.
Die gegnerischen Spieler sind viel zu weit weg. Englands Keeper ist Engländer und somit chancenlos.
Lukas Geschoss schlägt rechts oben im Gebälk ein.
Ich führe ein Freudentänzchen auf, wie hier seit Klopp nicht mehr gesehen.
Meine Sitznachbarn erkennen die Ähnlichkeit und freuen sich, dass ich mich so freuen kann.
So haben wir alle was davon.

Deutschland-England 1:0
Torschütze: der Kapitän, die Nummer 10. Lukas Podolski.
Im Kicker konnte ich vor kurzem lesen, Frank Goosens Sohn hatte einen ähnlich starken Abgang bei der DJK Arminia Bochum 1926. In deren C-Jugend. Aber sonst? Mir fällt mal wieder keiner ein. Was für ein Schlussstrich!

Rückblick in 2003:
Lukas unterschrieb seinen ersten Profivertrag am 11.11. in Köln. Sein erstes Hochamt ward 11 Tage später gelesen.
Marcel Koller nimmt für sich in Anspruch Lukas Podolski entdeckt zu haben.
Da gratuliere ich!

Stellen wir uns einen komplett weißen Raum vor. In diesem liegt ein großer roter Diamant. Sonst nichts! Wie schwierig ist es diesen zu entdecken?

Die Einschätzung meines Sportfreunds Feiden war wie folgt. Erster Einsatz von Lukas Podolski. Heimspiel gegen den HSV. Lass der Story wegen 11 Minuten gespielt sein. Lukas hatte bisher vielleicht - genau - 11 Ballaktionen.  Feiden stößt  mir von der Seite seinen Ellenbogen in die Rippen und spricht, mit Kippe im Mund: „Wat will dä he? Der paßt jar'nich zu uns. Der kann ja Fußball spiel'n!“

#130 Länderspiele #49 Tore #Weltmeister



Bildquelle: pa/Pressefoto UL/ULMER/Bjoern Hake, Wolfgang Rattay/Livepic/Reuters

Sonntag, 30. Juli 2017

HENNES ELEVEN Pedro

Pedro
Pedro Eliezer Rodríguez Ledesma

In der 82. Minute wurde es laut. 86.000 Kehlen skandierten in schneller Abfolge seinen Namen. Die Kurzform!
Luis Enrique wechselte den Außenstürmer für Rafinha ein. Barca führte denkbar knapp gegen Real Sociedad. Zuvor waren schon Busquets und Iniesta in die Partie gekommen, auch nicht gerade unbeliebte Spieler. Doch Pedro, das war zu spüren, hat einen ganz besonderen Stein im Brett der Katalanen.

Drei Minuten später schrieb dann der Fußball eine weitere, ach so eigene Geschichte.
Luis Suarez hatte freie Bahn im halblinken Mittelfeld. 
Ich würde ja gern schreiben, dass er sich da durchbeißen musste, aber er hatte so freies Spiel wie Anthony Hopkins in Schweigen der Lämmer.
Mit der rechten Innenseite spielt er den Ball schnittig halbhoch auf den Elfmeterpunkt, genau durchs Abwehrdreiek Sociedads hindurch. Der im Rücken des Dreiecks mitgelaufene Messi erreicht den Ball nicht ganz, daher lässt er ihn durch den Strafraum, hinter den Fünfmeterraum rollen. Dort nimmt er ihn an und spielt zum durchgelaufenen Suarez zurück. Ein Abwehrspieler bekommt seinen Fuß noch an den Ball und will die Kugel direkt aus dem Strafraum ballern. Allerding schießt er dabei, aus kürzester Distanz, Suarez Hacke an.
Der Ball springt hoch an den Elfmeterpunkt, wo mittlerweile Pedro nachgerückt ist. Er dreht sich mit dem Rücken zum Tor, wartet noch den Bruchteil einer Sekunde, bevor er abspringt und den Ball knallhart per Fallrückzieher, zentral über den jungen Keeper Geronimo Rulli hinweg ins Tornetz hämmert.
Ab da war die Party in Gange!

86.000 Fußball-Gourmets ließen ihrer Freude freien Lauf. Eine Druckwelle aus Begeisterung legte sich wie eine Glaskuppe über diesen atemberaubenden Fußballtempel. Sowas sieht man selbst hier nicht alle vierzehn Tage.
Am Ende der Saison hatte der FC Barcelona alle Titel im Sack. Meisterschaft, Pokalsieg, Champions League. Klar zu erkennen war, dass dies auch an der mannschaftlichen Geschlossenheit lag. Selbstredend sind das alles Ausnahmekönner beim FC Barcelona. Jedoch sehen die Kader von einem Dutzend Mannschaften in Europa –ich halte hier den Effzeh noch raus- ähnlich aus.
Für den Erfolg ist mannschaftliche Geschlossenheit unabdingbar. Natürlich kannst du einen tollen Teamgeist haben und trotzdem nichts gewinnen. Du kannst aber nichts gewinnen ohne Teamgeist. Mir fällt ad hoc kein zerstrittener Champion ein.

Für ihren 1,67 großen Pedro freuten sich alle. Mitspieler, Reservespieler, Trainer- und Betreuerteam. Pedro war nicht immer Stammkraft, aber dem Verein 11 Jahre treu. Als 17 Jähriger kam er 2004 zu Barca und schoss zunächst einmal die B-Mannschaft eine Liga höher. Zum Ende der Saison ´14/´15 zog es den Welt- und Europameister Spaniens heraus aus dem Schatten von Suarez, Neymar und Messi. Die Premier League in Form des Chelsea F.C. lockte den beidfüßigen Außenstürmer. Dort stehen, für den seit vorgestern 30 Jährigen, 13 Tore und 11 Vorlagen in 43 Spielen zu Buche. Gute Quote, dazu amtierender Meister. Zeitgleich muss sich der FC Barcelona wieder etwas mehr strecken, um mit den königlichen aus Madrid Schritt zu halten. Aber auch dieses Blatt wird sich wieder wenden. Ist ja immer noch Fußball.


 Fallrückzieher Pedro

Samstag, 29. Juli 2017

HENNES ELEVEN Lionel Messi

Lionel Messi 
Zurück zum Fußball

Saison 2014/15. Anfang Mai. Zusammen mit zwei Freunden bin ich eine knappe Woche in Barcelona. Wir nutzen die Gelegenheit und besuchen das Estadi Camp Nou. Es ist bereits der drittletzte Spieltag der Primera División. Barcelona führt die Tabelle hauchdünn an. Zwei Punkte liegen sie vor ihrem ewigen Rivalen Real Madrid. Bei angenehmer Hitze treffen sie um achtzehn Uhr auf Real Sociedad. 
Trotz der knappen tabellarischen Ausgangssituation rechne ich damit, heute die immer noch sehenswerte B Mannschaft Barcelonas zu Gesicht zu bekommen. Das Spiel liegt genau zwischen den beiden Champions League Halbfinalpartien gegen Bayern München.
Aber gut, was verstehe ich schon von Fußball?

Luis Enrique dachte gar nicht daran irgendwen zu schonen. 
Bravo, Dani Alves, Piqué, Bartra, Adriano, Xavi, Mascherano, Rafinha, Suarez, Neymar, alle waren sie da. Spielfreudig und einsatzbereit. So schnell, so perfekt, so dominant. Ich hatte sowas noch nie gesehen. Jetzt redet mancher daher wie mittelmäßig die spanischen Ligagegner so ab Platz fünf werden. Dies ist entweder Ignoranz, Unwissenheit, oder Beides. Zumindest wird es an diesem Abend nicht Real Sociedad gerecht. Die probieren alles. Verhalten sich optimal im Raum, haben gute Abstände, rennen was das Zeug hält. Taktisch und läuferisch haben auch sie enorme Qualität. Nur offensiv sind sie heute nicht zu bewerten. Eine Halbzeit lang halten sie das 0:0. Zwischen der 20. und 30. Spielminute wird es ihnen auch sichtlich zu dumm, über weite Strecken hilflos der katalanischen Spielfreude ausgesetzt zu sein. Sie suchen rustikaler die Zweikämpfe. Wenn sie den Gegner dann treffen, ist der Ball zumeist schon eine Station weiter gespielt. Ballbesitz erreicht man so nicht. Drei gelbe Karten werden in dieser Zeit vom Unparteiischen gezückt –nicht Dr.Fleischer­­­-, Ignacio Iglesias Villanueva pfeift eifrig vor sich hin.

Tja und wer sticht zwischen diesen ganzen Spezialisten am schärfsten heraus? 
Messi. 
Läuft der Angriff nicht ab der zweiten Station über ihn, spaziert er scheinbar gemächlich über den Platz. Nur um dann an vierter oder fünfter Position wieder anspielbar zu sein. Bei dem Jungen hat alles seine Logik. Wenn er dann am Ball ist explodiert er. Man meint den Ball lächeln zu sehen wenn Messi ihn berührt. 
Letztlich siegte Barca 2:0. Ein frühes, ein spätes Tor in Halbzeit zwei. Real Madrid ließ Federn gegen Valencia. Aus zwei wurden vier Punkte Vorsprung. Die Vorentscheidung in der Meisterschaft, das hörte man auf den Straßen Barcelonas. Ein paar Tage später zog die Ausnahmetruppe ins europäische Finale der Königsklasse ein. Berlin war die Bühne für einen nie gefährdeten 3:1 Sieg über die alte Dame Juventus Turin.

Bei allem offen Sichtbaren: wenn jeder Spieler seine Regeneration und Fitness lediglich über Schlaf, Ernährung, Lebenswandel, Training und saubere medizinische Versorgung erlangen würde, wäre Messi immer noch der Geschmeidigste. Ob er dann so groß geworden wäre? Das sei wie jede Meinung zur Diskussion gestellt. 
Messi und Barca live in ihrem Wohnzimmer zu erleben, war wie in einem Museum durch bloßes Betrachten ein Gemälde zu begreifen. Seine Schönheit, seine Ausstrahlung, seine Botschaft. Auf einmal war alles sonnenklar. Oder um es musikalisch auszudrücken. Messi ist Komponist, Dirigent und erster Geiger zugleich. Alles in Perfektion. Wie er das macht? Das wird er hoffentlich selbst nicht so genau wissen. 
Hey Freunde, wir haben Messi spielen sehen.

  FC BARCELONA Més que un club



Bildquelle: Getty Images

Freitag, 28. Juli 2017

HENNES ELEVEN Matthias Scherz

Matthias Scherz
Stieg dreimal ab und viermal auf

Zehn Jahre spillte d’r Matthes für'n Effzeh. Seine erfolgreichste Saison spielte der Außenstürmer in der Saison '02/'03. Beachtliche 18 Mal schrieb er sich in die Torschützenliste ein. Bereits nach dem 30. Spieltag stand der direkte Wiederaufstieg fest. Weswegen man in der Folge die vier weiteren Partien souverän vergeigte.

Gefeiert wurde natürlich trotzdem!

Im Anschluss an das letzte Heimspiel lud der Verein auf die verregneten Vorwiesen des Müngersdorfer Stadions ein. Eine Viertelstunde vor Spielschluss verließen wir das Stadion. „Komm’ wir gehen, die haben draußen bestimmt schon den Bierstand auf!”, sprach Feiden. Wir verließen unsere Plätze und schauten uns die Ausführung des Strafstoßes, den Dr. Fleischer – ja wieder der, ich schwör’s euch - soeben Eintracht Trier zugesprochen hatte und der in der Folge zum 1:3 Endstand führte, gar nicht mehr an.

Die Erfahrung hatte auch diesmal unseren Silberrücken nicht getrogen. Die Seitenwände des Getränkewagens waren hochgeklappt. Binnen der nächsten viertel Stunde füllte sich die Wiese, sowie unsere fünf Mann starke Truppe. Auch ein paar Freundinnen und Freunde kamen noch dazu, die zwar das Spiel, nicht jedoch die Aufstiegsparty verpassen wollten. Denn wie immer war uns ja klar, dies ist die letzte Aufstiegsparty der Vereinsgeschichte.

Eine Frau, die für die Kölnische Rundschau schrieb nutzte ebenso unser frühes Erscheinen. Sie fragte uns, wie wir die Saison bewerten und ob es nicht schade ist, dass ausgerechnet heute die Mannschaft wieder verliert. Ich entgegnete ihr, dass zum Einen ja noch gar nicht klar ist, ob wir das Spiel nicht noch 4:3 drehen, da ja noch nicht Schluss ist und zum Anderen dass wir uns die Stimmung von so profanen Tatsachen wie Ergebnissen nicht vermiesen lassen. Damit war ihre Neugier erschöpft.

Eine Freundin stachelte uns an das VIP Zelt hinter der aufgebauten Bühne zu stürmen. Wir hatten sowas Ähnliches ein paar Wochen vorher auf einem Konzert erfolgreich bewältigt, daher bremste ich sie nicht in ihren Bemühungen.
Minuten später trennte uns nur noch ein Zaun von diesem wichtigen Personenkreis. Wir verabredeten auf drei den Zaun zu überwinden. Ich hörte drei, ich überwand den Zaun. Auf der wichtigen Seite zog ich mich ins Zelt zurück und wartete auf die Anderen.
Sie kamen nicht.
Stattdessen rannten ein paar Securtity Typen hektisch durchs Zelt. Ich hatte währenddessen meine blaue Jacke und schwarze Mütze abgelegt, stand im FC Trikot neben einer Frau Typ feine Tochter und verwickelte Sie mit dem Satz, „das ist schon schade, dass es ausgerechnet heute so regnet”, in ein kurzes, vor Stumpfsinn tropfendes, schmales Gespräch. Was auf den Sicherheitsfachmann jedoch so wirkte, als gehörte ich schon seit Stunden dazu. Die Fahndung wurde eingestellt.

Ich freundete mich schnell mit der Situation an. Dreimal traf ich Hans Schäfer - flankte 1954 nach innen - auf dem Weg zum Colastand. Schelmisch wissend grinsten und nickten wir uns beim dritten Mal zu. Er nahm den Weg auch nur auf sich, um sich von der schönsten Frau im Zelt für einen kurzen Moment bedienen zu lassen. Schäfers Hans, alter Player!
Irgendwann kam die Mannschaft in das Zelt und verstreute sich sofort in alle vier Himmelsrichtungen. Überall dahin wo es etwas zu mampfen gab. Lustig zu beobachten, wie Lottner und Scherz bemüht waren alle wieder zusammen zu trommeln, um gemeinsam kauend die Bühne zu betreten. Davor warteten ja ihre Fans.
Hier unter den wichtigen Personen wirkten einige doch sehr Fußball fern. Ein Herr nicht. Er ging in die Offensive. Ungefragt teilte er mit mir sein Wissen über den Verein. Ihm brachte ich immer neues Bier mit. War ja eh umsonst. Seinen Begleitern nicht. Da sie aber mit mir genauso wenig anfangen konnten wie ich mit ihnen, stimmte die Rechnung. Ihr redseliger Begleiter stellte sich irgendwann als Chef der Stadtsparkasse vor.
Mittlerweile war die Mannschaft auf der Bühne, die FC Hymne erklang.
Der Direktor der bürgerlichen Münzen und Scheine nahm mich in den Arm. Wir schunkelten uns ein. „Kein Gegröle!”, sprach er warnend mit hoher Stimme aus. Hatte ich eh nicht vor. Hier unter so vielen Menschen die nicht mitsangen. Genaugenommen sangen im ganzen VIP Zelt nur zwei Menschen inbrünstig mit. Der Stadtsparkassen Chef und ich. Zwischen Kehrvers und Strophe beugte er sich etwas nach vorn, hob den Zeigefinger, sah mir tief in die Augen und ermahnte: „Schön Ton halten! Schön Ton halten!” Das Schön gesprochen mit drei Ö.

Ich hielt Ton. Aber ich dachte auch an meine Freunde. Das glauben die mir nie! Die denken doch ich spinne, wenn ich Ihnen vom Colagirl und vom schön Ton halten erzähle.
Eigentlich waren sie ja gar nicht so weit weg. Sie standen vor der Bühne. Bestimmt wieder links hinten am Bierstand.
Ich ging auf die Bühne. Da hatte Dirk Lottner gerade das Mikro übernommen und sprach ein paar Sätze. Ich drängelte mich bierbeseelt durch die Reihen der Spieler bis in die erste Reihe. Dort hob ich meinen Arm winkend in Richtung Bierstand. Hier bin ich!

„Wer ist das?”, hörte ich. Dann tat es weh. Eine Security Kante checkte mich weg, eine andere fing mich unsanft auf, zu zweit schmissen sie mich von der Bühne und aus dem VIP Zelt. Auf die Wiese sollte ich auch nicht mehr. Also nahm ich die Bahn und fuhr nach Hause.

Am nächsten Tag brach ich in aller Frühe beruflich nach Schwerin auf. Total verkatert stand ich morgens am Kölner Hauptbahnhof, versuchte Kaffee zu trinken und etwas Zeitung zu lesen.
Die Überschrift zum Bericht über die Kölner Aufstiegsfeier lautete:
„Die Stimmung lassen wir uns nicht vermiesen!”.
Das sach ich dir.

Auf eine spannende Zweitligasaison 2017/18!

 
Buenos dias Matthias, mir sin widder do!


Bildquelle: Bongarts / Getty Images

Neuverpflichtung:

HENNES MEINUNG